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Lappland See mit Regenbogen

Referenzen

Die Stille über dem Eis

Artikel von der Süddeutsche Zeitung, 16. Apr 2002, Reise & Erholung, (die sich auf Lappland Dream beziehende Absätze sind kursiv hervorgehoben; in der Mitte und unten)

In den weiten Gebieten Lapplands kämpft die Natur gegen sich selbst, und die Menschen sichern ihren Lebensunterhalt mit der Rentier-Tradition

Streng genommen gibt es zwei verschiedene Lapplands. Vom ersten ist nicht viel mehr zu berichten, als dass zum Beispiel samstags in Levi, einem Skizentrum in der Nähe des nordwestfinnischen Flughafens Kittilä, die Urlauber in langen Schlangen im Supermarkt anstehen. Und dass es hier auf der Piste ähnlich zugeht wie in einem überfüllten alpenländischen Skiort in der Hauptsaison.

Im zweiten Lappland ist es still. Meterdicker Schnee bedeckt jeden Fleck auf den sanften Hügeln der Pallastunturi-Berggruppe im Westen des Landes. Als seien sie seine Opfer, die nie mehr einen Laut hervorbringen werden. Überall dort, wo es flach ist und kein Baum wächst, liegt unter gewaltigem Eis ein See oder ein Sumpf begraben. Kaum vorstellbar, dass sich diese Landschaft im Frühling, wenn die Bären aus dem Winterschlaf erwachen und die Zugvögel aus Afrika in Schwärmen nach Lappland kommen, verändern wird. Warm ist es dann, und wäre das Land nicht so unendlich weit, könnte man bald an vielen Orten die Wanderer aus den kleinen, unbewirtschafteten Hütten in den Nationalparks kriechen sehen, damit sie gleich wieder von der Wildnis verschluckt werden.

Hier, wo es vom Jerisjärvi-See nicht mehr weit ist nach Muonio, einem Städtchen am Grenzfluss Muonionjoki, verläuft die Grenze zwischen Finnland und Schweden. Links und rechts stehen schneebedeckte Wälder aus hohen, aber dünnen Bäumen, die gar nicht stark genug für das rauhe Klima im Finnland jenseits des Polarkreises zu sein scheinen. Die Bäume, die im Süden des Landes meterdick werden, kommen hier ihr Leben lang nicht über einen halben Meter Durchmesser hinaus. Es muss ein stiller, zäher Kampf sein, den die Natur in den kalten Monaten gegen sich selbst führt.

Das Bild vom kargen Lappland ist vielleicht das Einzige, was sich bis heute in Mitteleuropa verbreitet hat. Wer weiß denn, dass Lappland ein riesiger Landstrich ist, der sich über Finnland, Schweden, Norwegen und Russland erstreckt? Wer weiß von den wunderschönen unberührten Landschaften und den prachtvollen Nationalparks? Wer weiß, dass Lappland ein finsteres Kapitel seiner Geschichte den Deutschen zu verdanken hat? Und dass 1996 im finnischen Teil Lapplands eine große Goldader gefunden wurde? Eigentlich können sie das Gold unter der Erde ruhig liegen lassen. Denn ganz leicht findet man es auch an der Oberfläche.

Musik im Wald

Lauri Temmes, ein Lappe und ehemaliger Wildnisführer aus Inari in Ostlappland, erzählt, dass die Einheimischen besonders den Herbst mögen, um in die Wildnis zu gehen. Im September sammeln sie Pilze, angeln Fische in den tausend Seen und hören die Vögel. Lauri Temmes sagt, ihr Zwitschern sei wie „Musik im Wald“. Jetzt arbeitet Lauri Temmes für Gäste in feinen, vom Trubel abgelegenen Ferienhäusern, die idyllisch direkt am Jerisjärvi-See liegen. Im Winter spurt er die private Langlaufloipe über den See. Abends erholen sich die Gäste in der Sauna oder vor dem offenen Kamin. Alpin-Skigebiete wie Pallas oder Olos sind in wenigen Autominuten zu erreichen. Zusammen mit seiner Frau Anna organisiert Lauri Eislochfischen, Husky- oder Rentierschlittentouren und fährt selbst mit kleinen Gruppen auf Motorschlitten über schneebedeckte Waldwege und über Seen durch die Einsamkeit.

Jetzt im Winter trägt das dicke Eis sogar Tonnen von Gewicht. Von der Ferne sieht es manchmal aus, als flitzten riesige Kakerlaken durch den Schnee, die ab und zu ins Schleudern geraten und dann mit ihren funkelnden Augen blitzen. In Wirklichkeit zischen Autos mit hoher Geschwindigkeit und immer wieder vollbremsend über das Eis, gespenstisch ins Nichts schleudernd. Autofirmen wie Audi und Volkswagen, die in Lappland ihre Testgelände haben, prüfen die Wagen auf den Schnee- und Eisdecken der zugefrorenen Seen.

Es ist schwierig zu entscheiden, ob diese Landschaft abwechslungsreich oder eintönig ist, weil die Dreieinigkeit von Wald, Hügeln und Seen über Hunderte von Kilometern konstant bleibt und auf einen Wald wieder ein Hügel und auf den wieder ein See folgt, so wie in den finnischen Wörtern auf irgendeinen Buchstaben oft genau derselbe folgt.

Auf dem Weg von Muonio zum Wintersportort Hetta säumen große gelbe Briefkästen aus Holz den Weg, die am Straßenrand aufgestellt sind und eine überdimensional große Öffnung haben, damit der Postbote, gleichzeitig Zeitungsausträger, die Post aus dem fahrenden Auto einwerfen kann. In der Kaamos-Zeit ist hier alles in dunkles Blau getränkt, weil der Schnee und das wenige Licht dieser Farbe zu einem dauerhaften Leuchten verhelfen. Gäbe es den finnischen Western, er müsste in Hetta spielen.

Einheimische sagen, dass sie die Kaamos-Zeit besonders mögen, weil alles ruhig und schön sei. Niemand sei hier depressiv. Auf der anderen Seite berichten sie, dass in Hetta, Enontekiö, rund 30Prozent der Menschen arbeitslos sind. Und das trübt das Bild vom fortschrittlichen Finnland, das als erstes europäisches Land Frauen wählen ließ, das als Land mit der geringsten Korruption weltweit gilt, das bei der Bildungsstudie „Pisa“ den ersten Platz belegte und längst das Dosenpfand eingeführt hat. Insgesamt waren im vergangenen Jahr 9,1 Prozent der Menschen in Finnland arbeitslos, im finnischen Teil Lapplands waren es 16,3 Prozent. Junge Leute, die in Lappland keine Perspektive sehen, wandern in den Süden ab. So wird es immer leerer im Norden.

Markku und Teppo Rauhala sind geblieben. Markku ist 34Jahre alt, sein Cousin Teppo 25. Beide sind Rentierzüchter, weil ihr Großvater Rentierzüchter war und ihr Onkel auch. Die beiden haben weiter gemacht. Aber Markku, der schon vier Söhne hat, will nicht, dass es so weiter geht wie bisher. Er will nicht, dass seine Söhne Rentierzüchter werden, weil er sagt, dass mit diesem aussterbenden Beruf eine Familie nur schwer zu ernähren sei.

Noch gibt es in Lappland etwa 200000 Rentiere, etwas mehr als Menschen. Das finnische Lappland ist die am dünnsten besiedelte Gegend in einem Land, das insgesamt nur unbedeutend kleiner ist als die Bundesrepublik Deutschland, in dem aber nur etwas mehr als fünf Millionen Menschen leben. Und die Zahl der Züchter ist in den letzten Jahren immer kleiner geworden. 90 sind es jetzt noch in der Gegend um das Städtchen Muonio. Vor zehn Jahren, erzählt Markku Rauhala, seien es noch 300 gewesen.

Die Rentiere bewegen sich frei in der Wildnis und fallen deswegen Adlern, Bären, Wilderern und dem Straßenverkehr zum Opfer. Es ist schon schwierig, die mehrere Hundert Tiere fassenden Herden in beständiger Größe zu halten, weil jede Rentierkuh üblicherweise nur ein Kalb im Jahr zur Welt bringt. Für Markku Rauhala ist die Schuldige aber die Europäische Union, der Finnland seit 1995 angehört und die sich diese Richtlinien ausgedacht hat. Zum Beispiel, dass alle Tiere im Schlachthof geschlachtet werden müssen von einem professionellen Schlächter. Niemand darf mehr selbst geschlachtetes Fleisch verkaufen. So seien die Kosten gestiegen und die Höfe der kleinen Züchter, die kein Geld mehr hatten, sind versteigert worden. Aber warum ist Markku Rauhala dann in Lappland geblieben, wenn er keine Perspektive hat? Vielleicht ist die EU nicht das einzige Problem? „Rentierzucht“, sagt Markku Rauhala, „ist eine Lebensweise. Man will kein großes Geld machen. Aber heute muss man als Rentierzüchter Unternehmer sein, um zu überleben. Ich will kein Unternehmer sein.“

Damit es sich lohnt, bieten die Rauhalas inzwischen Rentierschlittenfahrten, die sie Safaris nennen, für Touristen an. Diese werden im Galopp ein paar Kilometer durch die lappländische Stille gezogen, vorbei an den dünnen Bäumen über eine schon ausgetrampelte Schneepiste. Das einzige Geräusch erzeugen die klappernden Hufe des Zugtiers. Manche Schlittenfahrer können den Blick nicht lassen vom bezaubernd weichen Hinterteil. Wie eine Wippe schwingt der graubraune Rücken auf und ab, so dass ab und zu auch der Kopf von Kyröläinen auftaucht, dem Rentierhengst mit nur noch einem halben Geweih.

Die Hälfte der Einnahmen mache das Geschäft mit den kalten Safaris inzwischen aus. Ohne die Schlittenfahrten, sagt Markku Rauhala, hätte er vor fünf Jahren alles aufgeben müssen. Inzwischen gibt es auch ein paar Züchter, die im Winter, wenn die Tiere irgendwo durch die Wälder ziehen, als Testfahrer für Audi auf den Seen Auto fahren. „In Muonio haben diese Firmen schon viele Leute gerettet“, sagt Markku Rauhala.

Auf dem Weg von einem der schönsten Seen der Region, dem Jerisjärvi bei Muonio, zum Pallas-Ounastunturi-Nationalpark führt die Straße am Ort Torassieppi vorbei. Alli Kotakorva-Ohenoja lebt hier. Sie ist die einzige Rentiermelkerin Finnlands. Neben ihrer Melk-Show, die sie nur zwischen Juli und September zeigen kann, weil es nur in dieser Zeit Rentiermilch gibt, fabriziert Alli Kotakorva-Ohenoja Schmuck und Strickwaren und gewährt Einblick in ein Rentiermuseum und in ihr Elternhaus, eines der wenigen im ursprünglichen Zustand erhaltenen Gebäude aus dem 19.Jahrhundert.

Das Haus, heute eine Art Heimatmuseum, ist eines der wenigen Gebäude in Lappland, das im Zweiten Weltkrieg nicht angezündet wurde. Die Menschen in der Gegend der Bezirksstadt Muonio hatten Glück, dass die 100000 Soldaten der Deutschen Wehrmacht, die zum Kampf gegen die Sowjetunion nach Lappland geschickt wurden, zufällig nicht in Muonio und der Umgebung wüteten. Finnland, das zum Schutz gegen die angrenzende Sowjetunion deutsche und österreichische Soldaten ins Land gelassen hatte, schloss 1944 einen Waffenstillstandsvertrag mit der Sowjetunion, die nun forderte, die Deutsche Wehrmacht aus dem Land zu vertreiben. Auf dem Rückzug der Armee nach Norwegen zündeten die Soldaten nahezu alles an, was brennbar war. Auch Lapplands Hauptstadt Rovaniemi, damals fast ausschließlich aus Holz gebaut, wurde einfach abgebrannt. Erst vor wenigen Wochen hat Hanelle Pokka, die Regionspräsidentin Lapplands, gefordert, Deutschland solle Entschädigung für die damaligen Zerstörungen zahlen.

Abends, wenn die untergehende Sonne langsam hinter dem Muonionjoki und den Hügeln Schwedens verschwindet und die Gipfel des Pallastunturi in ein sattes Orange getaucht werden, gehen die Flutlichter auf der Skipiste von Olos an. Die Testfahrer von Audi, die nachmittags noch vereinzelt die wenigen, sanften Abfahrten genommen haben, sitzen längst im Restaurant. Die Skipiste und der Lift sind völlig verlassen. Das Flutlicht von den Masten mischt sich mit den letzten Sonnenstrahlen. Von oben scheint es, als könne der Blick über ganz Lappland bis Norwegen und zum Eismeer schweifen. Kein Mensch ist zu sehen. Es ist völlig still, es gibt da einfach kein Geräusch.

Informationen

Anreise: Finnair fliegt ab 625 Euro bis zu zweimal täglich von München, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und Berlin über Helsinki nach Kittilä. Frühzeitige Buchung wird empfohlen.

Unterkunft: Die Firma Lappland Dream bietet vier Ferienhäuser (100 m², 120 m² und 200m²) am Jerisjärvi-See an.

Weitere Auskünfte:
Firma Lappland Dream
Uhlandstraße14
69493 Hirschberg

Tel.: 0172/9688015
Fax: 06204/ 970178
im Internet: www.lappland-dream.de

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